Notkarspitze bei Nacht

Zwischen
Nacht und Tag

Wer sich nachts aus dem Bett schält und schon weit vor Sonnenaufgang am Gipfel ist, der kann in aller Ruhe den magischen Übergang von der stillen Nacht zum leuchtenden Morgen genießen. Die Notkarspitze in den Ammergauer Alpen, mit ihrem moderaten Aufstieg und fantastischem Panorama, ist ideal dafür geeignet. Dabei ist unbedingt auf ein ruhiges und rücksichtsvolles Verhalten gegenüber der Natur zu achten.

Es ist kein sehr eleganter Gang. Eher ein unrhythmisches Gestolpere, gepaart mit der Hoffnung, bei jedem Schritt nicht an irgendeiner Wurzel hängen zu bleiben oder das Gleichgewicht zu verlieren. So fühlt es sich an, wenn man wie in Trance mitten in der Dunkelheit, noch lange vor Sonnenaufgang, über schmale, verwurzelte Waldpfade den Aufstieg wagt. Nicht besonders schön anzusehen, aber Gott sei Dank sieht das niemand! Außer Mike, der mich heute in den Ammergauer Alpen auf dem Weg vom Ettaler Sattel über den Ziegelspitz bis zur Notkarspitze begleitet. Wir sind beide fotografiebegeisterte Bergliebhaber und heute besonders früh aufgebrochen, um den Übergang von Nacht zu Tag und absolut stille Momente auf 1889 m zu erleben.

Es ist Mitte November, es liegt keinerlei Schnee und die Temperaturen sind noch warm genug, um nachts in leichter Kleidung aufzusteigen. In pechschwarzer Dunkelheit und im Lichtkegel der Stirnlampe beginnen wir den Aufstieg im dichten Wald, der sämtliches Umgebungslicht schluckt. Der Kopf ist noch nicht ganz wach und die Schritte sind tapsig. Trotz der Stirnlampe sehen wir einige Hindernisse des Waldpfads, der von Wurzeln und Felsen durchzogen ist, zu spät oder gar nicht. Und so stolpern und wackeln wir auf den ersten hundert Höhenmetern bergauf bevor sich allmählich ein geschmeidigerer Bewegungsablauf einstellt. Ganz bewusst haben wir nur eine Stirnlampe mit stark gedimmten Licht an und verhalten uns ruhig, um die Nachtruhe der Tiere möglichst wenig zu stören. Speziell gilt das im Naturpark Ammergauer Alpen, der sein sensibles und artenreiches Ökosystem unter besonderen Schutz stellt.

Bergwandern bei Nacht

Als sich der dichte Wald nach gut 400 Höhenmetern lichtet und wir an einen Aussichtspunkt gelangen, sind wir beide etwas perplex. “Warum ist es hier auf einmal so hell?”, fragt mich Mike. Wir drehen uns um und staunen nicht schlecht. Weit hinten am Horizont lodert der Nachthimmel in einem intensiven Orange, hell entfacht von den Lichtern des Großraum Münchens. Durch die tiefhängende Wolkendecke wird das Licht so stark reflektiert, dass sogar hier, gute 70 Kilometer Luftlinie vom Münchner Marienplatz, die Stirnlampen fast obsolet werden. Mit dem städtischen Licht im Rücken steigen wir weiter in Richtung Ziegelspitz auf. An einem weiteren Aussichtspunkt erwartet uns allerdings noch eine weitere Überraschung. “Mike, schau mal!”, stupse ich ihn an und deute Richtung Tal. Mit dem Blick nach unten gerichtet, bewundern wir, wie der Ort Oberammergau mit seiner Straßen- und Häuserbeleuchtung, eingerahmt von Kofel und Laber, ein orange-rosanes Herz mitten in das tiefschwarze Tal zeichnet. “Ziemlich romantisch, wenn du mich fragst”, kommentiere ich diesen Augenblick, in dem wir noch eine Weile verharren. Um dem Kitsch noch das Sahnehäubchen aufzusetzen, bin ich versucht seine Hand zu greifen. “Ne ne, wir kennen uns noch nicht sehr lange, das wäre wohl etwas zu früh”, scherze ich mit mir selbst und wir setzen den Aufstieg fort.

Oberammergau bei Nacht

Nach insgesamt 1060 Höhenmetern erreichen wir die Notkarspitze. Es ist erst 6.30 Uhr und damit noch mehr als eine Stunde bis Sonnenaufgang. Da wir nun mehrere Stunden an diesem Ort verbringen werden, ziehen wir uns zusätzliche Kleidungsschichten über und stärken uns erst einmal mit Brotzeit und Tee. Unterm Gipfelkreuz sitzend lassen wir den Blick über die Landschaft schweifen. Auch wenn es bei uns noch dunkel ist, ist weit hinten am westlichen Horizont schon ein kleiner violetter Streifen zu erkennen. Es ist schon verrückt sich vorzustellen, dass tausende Kilometer im Osten die Sonne bereits aufgegangen ist und wir, hier wo wir stehen, diesen Schimmer bereits sehen können. Für uns entsteht so ein wunderbar violett-blauer Farbverlauf im Himmel, in dem die Sterne immer noch hell funkeln.

Gipfelkreuz Notkarspitze bei Nacht

Natürlich hoffen wir auf einen leuchtend roten Sonnenaufgang, bei dem der Himmel quasi explodiert. Das klappt aber nur, wenn der Horizont wolkenfrei und der Himmel zu einem Großteil mit mittelhohen bis hohen Wolken bedeckt ist. Unser Blick geht Richtung Osten: Der violett leuchtende Streifen am Horizont scheint wolkenfrei und lodert immer noch vor sich hin. Die Wolkendecke in Richtung Osten ist größtenteils dicht geschlossen, stellenweise jedoch durch Schäfchenwolken aufgelockert. Wir setzen unsere ganze Hoffnung darauf, dass die Sonnenstrahlen im richtigen Winkel von unten einfallen und die Wolkendecke rot erleuchtet. Jetzt heißt es abwarten. Nach einer Weile schaut Mike auf die Uhr. “Ich glaube das wird heute nix”, wirft er mir zu. Und tatsächlich. Es ist schon sehr hell geworden und die Sonne sollte eigentlich schon sichtbar sein. Stattdessen ist sie leider versteckt hinter der dichten Wolkendecke aufgestiegen. Der Horizont war wohl doch nicht ganz wolkenfrei.

Fotografie Blaue Stunde

Macht nichts, denn auch ein von Wolken verdeckter Sonnenaufgang wirft wunderbar weiches Licht auf die umliegenden Gipfel und Grate. Vor allem der markante Jubiläumsgrat, der sich über sieben Kilometer von der Zugspitze zur Alpspitze erstreckt, wird mit all seinen feinen Schneerinnen und Felsstrukturen und den davor liegenden Bergketten der Ammergauer Alpen perfekt in Szene gesetzt. Eine Traumkulisse für Fotografiebegeisterte und Naturgenießer. 

Zugspitze und Jubiläumsgrat

Der Sonnenaufgang ist nun schon seit einer Stunde vorbei und Mike und ich sitzen immer noch am Gipfelkreuz der Notkarspitze. Wir können uns zwar nicht vorstellen, dass noch etwas Spektakuläres passiert, aber wer weiß. Gerade bei bewölktem Himmel sind die Morgenstunden besonders interessant und haben oftmals ein paar Überraschungen im Petto. Und so ist es auch heute: Die Wolkendecke zerfließt allmählich und eröffnet einen kleinen Spalt für die ersten direkten Sonnenstrahlen, die die Wiesenhänge und Grate der Ammergauer Alpen in sattem Grün aufleuchten lassen. 

Fotografie Sonnenaufgang
Ammergauer Alpen Sonnenaufgang

Mike und ich setzen uns auf eine Anhöhe, direkt zur Sonne blickend, und genießen die wärmende Energie. Aber nicht nur wir! Die Krähen hatten wohl denselben Gedanken und lassen sich mit steigenden Temperaturen von den warmen Aufwinden vom Garmischer Tal in Richtung Gipfel tragen. Direkt vor unseren Augen, als Silhouetten vor dem gleißend hellen Himmel, segeln die Vögel auf und ab und kommen gerne dicht an uns heran, um sich ihren Applaus persönlich abzuholen. Was für ein Moment! Es ist etwas ganz Besonderes diese Ruhe zu genießen, ganz ohne Aufbruchstimmung und Zeitdruck. Gerade in Zeiten des Höher, Schneller, Weiter schwingt bei Bergtouren immer ein gewisser Leistungsgedanke mit – schnelle Zeiten auf langen Strecken mit vielen Höhenmetern. Aber heute nicht, und das macht es für uns so besonders.

Ammergauer Alpen Sonnenaufgang
Sonnenaufgang genießen

“Was meinst du, wollen wir aufbrechen?”, frage ich Mike und fühle mich bei dem Vorschlag, diesen fantastischen Ort nun zu verlassen, fast etwas schlecht. Aber unsere Rundtour ist noch nicht vorbei und führt uns noch über den Brünstelskopf und durch das Gießenbachtal zurück zum Ausgangspunkt. Mit der Sonne im Gesicht steigen wir ab und merken schnell, dass die dicken Klamotten ziemlich bald zurück in den Rucksack müssen. Obwohl es nun schon eine gefühlte Ewigkeit taghell ist, haben wir bislang keine Menschenseele getroffen. Die Premiere feiern wir aber nun beim Abstieg, kurz vor dem Hasenjöchl, als uns ein Mountainbiker über den verwurzelten Pfad entgegenkommt. Wir passieren ihn, drehen uns nochmal um, um ihm hinterher zu schauen, und sind baff! Mit freiem Blick Richtung Notkarspitze können wir am Gipfelkreuz eine handvoll menschlicher Silhouetten erkennen, die sich dort oben tummeln. “Guten Morgen, liebe Welt!”, sage ich zu Mike und stoße ihn an. Wir grinsen beide bis zu den Ohren und setzen unsere Tour fort.

Vogel in den Bergen