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hoch & kalt

von Dennis Engelhard, erlebt am 11. Nov. 2018

Eine hochalpine Überschreitung

Der Winter hält Einzug in Deutschland. Spürbar kündigt sich die trockene, beißende Kälte an und das Zeitfenster, in dem das Tageslicht der Welt Leben einhaucht, wird fortlaufend kürzer. Doch einen Vorzug hat diese Zeit: In den Bergen herrscht Stille. Denn nur die Narren, die die Berge und das Abenteuer lieben, setzen sich den unbequemen Bedingungen aus. Der Rest hingegen harrt auf die schneereiche Zeit aus, um die Ski für Piste und Touren aus dem Keller zu holen.
Wir gehören vermutlich eher zu den Narren.
Auf dem Parkplatz beim Einstieg der Tour nächtigen wir am Vorabend unter sternenklarem Firmament. Eine sternenklare Nacht bedeutet allerdings auch deutlich tiefere Temperaturen, da die Wärme des Tals ohne Wolken ungehindert ausstrahlen kann und alles rapide abkühlen lässt.
Ein gutes Omen für den darauffolgenden Tag ist diese Nacht dennoch, denn die Bedingungen setzen sich fort. Bei sanft blauem Himmel und sonniger Morgenstimmung brechen wir auf zum Hochkalter (2.607m) im Berchtesgadener Land.
Es sollte unsere bislang anspruchsvollste Tour werden.
Die ersten 800 Höhenmeter können wir dank des gut ausgebauten Forstwegs und Pfades hoch zur Blaueishütte (1.651m) zügig hinter uns lassen und finden uns im Blaueiskar wieder. Umringt von mächtigen Felstürmen.

Der Blaueisgletscher (Gletscherzunge Bildmitte) ist der nördlichste Gletscher der Alpen, eingebettet zwischen Blaueisspitze (2.480m, mitte) und Hochkalter (2.607m, rechts daneben), und schmilzt außerordentlich stark ab, verursacht durch seine geringe Höhenlage.

Unser beider Blick geht nach Westen, in die rechte Felsflanke im Blaueiskar. Die nun bevorstehenden weiteren 1.000 Höhenmeter zum Hochkalter beginnen mit einem kraftraubenden Anstieg im Geröllfeld, das mit feinstem Schutt aber auch riesigen Gesteinsbrocken alles zu bieten hat.
Wo wir vor Ankunft an der Blaueishütte viel Wald und geebnete Wege vorfanden, wird uns nun schnell klar: Ab sofort ist alpines Gelände der stetige Wegbegleiter. Und dies offenbart sich bereits nach dem Anstieg im Geröllfeld. In leichter Felskletterei im ersten Schwierigkeitsgrad geht es die hohe Plattenwand hinauf, die zum Sattelpunkt "Schöner Fleck" führt. Dies sollte die erste Einstimmung auf die noch lang andauernde Tour sein.
Die gesamte Überschreitung ist eine Rundtour, misst 18,1 km, 1.906hm und dauert standardmäßig zehn bis zwölf Stunden. Das Besondere hierbei ist, dass nahezu 900 Höhenmeter an Kletterstellen bis zum II Schwierigkeitsgrad und entlang des ausgesetzten Grats zu überwinden sind.
Woher die Langwierigkeit dieser Tour rührt, wird somit schnell klar. Es ist ein zwei Kilometer langer Grat auf dem die zwei Zwischengipfel, Rotpalfen (2.367m) und Kleinkalter (2.513m), zu überschreiten sind. Vielfache Felsaufschwünge, die kletternd zu meistern sind, lange Wander- und Kletterpassagen entlang des Grats und eine Schlüsselstelle, die im II Schwierigkeitsgrad eine zwölf Meter hohe Wand hinaufführt. All dies lässt die Tour oberhalb von 2.000m endlos auf uns wirken, denn der Hochkalter legt schier nicht enden wollende Hindernisse zwischen sich und Bergsteiger.
Es sind die kleinen Schritte, die uns die schwierigen Höhenmeter langsam und sicher überwinden lassen. Bei einer Rast treffen wir auf einen Bergfex, der diese Überschreitung im Alleingang bestreitet. Als er uns sagte, dass er vor ein paar Tagen die berühmte Watzmann-Überschreitung gemeistert hatte, die Hochkalter-Tour jedoch aus seiner Sicht schwieriger sei, sind wir froh, dies erst jetzt erfahren zu haben - denn das Gröbste liegt bereits hinter uns.
 
Und nach einem letzten Felsaufschwung und den letzten Metern auf dem Grat ist es da: Das Gipfelkreuz des Hochkalters auf 2.607m. Es liest "Gib uns Frieden" und eine Alpendohle wacht über uns.
Wir sind froh den Frieden dort oben für einen Moment genießen zu können, jedoch gilt es auch heute noch den Abstieg durch das Ofental zu meistern. Und nicht zum ersten Mal kommt der Gedanke auf, wie wohl die Route runterwärts aussehen wird?