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Hardangerwedda

und worum es wirklich geht

von Dennis Engelhard, erlebt vom 1. bis 6. Sept. 2018

Nächtlicher Frost, mehr als 50% Regentage im Monat, Ende der offiziellen Saison, geschlossene Schutzhütten und ein langer Weg voraus. Sorgen machen sich breit, ob auf dem Hochplateau, mitten in der einsamen Weite, die Nahrung reicht, die Kleidung warm und widerstandsfähig genug und die Distanz überwindbar ist.
Das sind die ungemütlichen Vorzeichen unter denen Norwegens größter Nationalpark seine Gäste im September empfängt. Das Wetter ist berühmt berüchtigt - das Hardangerwedda in der Hardangervidda.
Die Antwort darauf: Alle Vorbereitungen treffen. Den örtlichen Outdoorfachhandel mit ausgetüftelter Check-Liste durchforstend, wurde er seines überlebenswichtigen Equipments entledigt. Der "umweltfreundlichste" Campingkocher, rationierte "Bio"-Trockennahrung, "nachhaltigste" Regenbekleidung u.v.m. fielen überlegt in den Warenkorb.
Das Wasser strömt vom Hochplateau in die Fjorde talabwärts.
Trotz der großen Wassermassen zeigt sich die Hardangervidda mit zwei kontrastierenden Gesichtern: Die sumpfige Seenlandschaft mit zahlreichen Wasserfällen sowie die trockene, karge Weite mit Fels und Berg.
Diese beiden Gesichter prägen die Landschaft. Uns Menschen zieht es jedoch immer zum Wasser, das überlebenswichtige Möglichkeiten, unfassbare Ästhetik und eine Heimat bietet. Morgens wie nachts.
Und in jedem Moment steckt eine Überraschung. Nachts friert das Zelt außen ringsum ein und mit den ersten Schritten ins Freie sieht man nichts. Nichts, außer die Nebelbänke, die tief über der gesamten Weite des Sees liegen und nur die Sonne durchscheinen lassen. Eine Möve, angestrahlt vom Lichtkegel, nur als schwarze Silhouette erkennbar, fliegt über den See und fischt. Ein mystisches Schattenspiel.
Den Frost und die Kälte verdrängend weckt die intensive Morgensonne die Landschaft auf und zieht die Nebelschwaden allmählich wieder zu sich zurück.
Wenn mit eigener Kraft, mit Ballast auf dem Rücken, Distanzen zurückgelegt werden, die Nahrung auf das Nötigste limitiert und rationiert ist und das nächste Zuhause für die einbrechende Nacht ein geebneter Platz inmitten der Wildnis ist, dann sind es die einfachen Momente, die die Freude bringen. Seien es die herausragendsten Plätze in der Natur oder der Sonnenuntergang vor der Ruhe der einbrechenden Nacht.
Nächtlicher Frost, mehr als 50% Regentage im Monat, Ende der offiziellen Saison, geschlossene Schutzhütten und ein langer Weg voraus. Sorgen machten sich breit.
Jedoch reichte die Nahrung, die Kleidung hielt und die Distanz war überwindbar. Das Hardangerwedda hat nur an einem Tag und einer Nacht Unruhe und Regen beschert. Am Ende hat sich die Hardangervidda mit aufreißendem Firmament von ihren abreisenden Gästen verabschiedet.
Es waren fünf Tage zu Fuß in der norwegischen Wildnis mit nur dem Zelt als Schutz und Zuhause auf dem Rücken aufgeschnallt. Fünf Tage in der absoluten Stille und Weite, mit Schlaf- und Rastplätzen an Seen, Wasserfällen und auf Bergen. Fünf Tage gefüllt mit nichts anderem als Leere und körperlicher Anstrengung.
Am Ende des Films "I am Legend" (2007) suchen Anna und Ethan, die beiden letzten in der Stadt vom Virus verschonten Menschen, die Siedlung in Vermont auf, um sich den anderen Überlebenden anzuschließen. Anders als bei Anna und Ethan war die Hardangervidda ein Ort des Entkommens. Anders als bei Anna und Ethan suchen viele Menschen heute mehr den Rückzug. Mehr vom "Weniger", weniger vom "Mehr" - und das in vielen Bereichen des Lebens.
Auch wenn das Hardangerwedda wider Erwarten zurückhaltend war, so waren es doch die Vorbereitungen im Sinne des Konsums und Einkaufs nicht. In vielen Bereichen tendieren wir zum "Zuviel" und verlieren den Blick für das Essentielle. Durch eine solche Exposition in der Natur wird unser Privileg, das uns durch Nahrung, Obdach und Sicherheit gegeben ist, aus einer ganz anderen Perspektive klar. Welche Erkenntnisse diese Erfahrung mit sich bringt und welche Konsequenzen daraus resultieren wird jeder für sich selbst herausfinden müssen.