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Eine unerwartete Reise

von Dennis Engelhard, erlebt vom 14. bis 16. Februar 2019

Oftmals gibt es Zeiten, in denen es die Gewohnheit ist, die mich in die Berge bringt. Dann, wenn es sich nach einem „es wird mal wieder Zeit“ anfühlt. Dann, wenn sich zeitlicher Raum auftut, der wieder ein spannendes Projekt zulässt. Dann, wenn es zu passen scheint. Doch neben dieser Gewohnheit gibt es ebenso die Zeiten, in denen sich der Freiheitsdrang und die Abenteuerlust so unaufhaltbar in mir auftürmen, dass ich dem Kribbeln dieser Leidenschaft nicht widerstehen kann. Dieses Kribbeln führte mich Mitte Februar für drei Tage in die Tuxer Alpen.
Wintertouren haben ihre ganz speziellen Eigenheiten, die oftmals entweder das Salz in der Suppe sein oder dieselbige versalzen können. Gerade bei schneereichen Bedingungen ist es essentiell, diese Eigenheiten in eine Tour einzuplanen: Das Gelände und die Route verinnerlichen, um sie im freien, schneebedeckten Terrain zu finden. Eine Zeitplanung mit konservativer Einschätzung aufstellen, um rechtzeitig die Option zum Umkehren zu haben oder frühzeitig am Ziel anzukommen. Lawinenlage- und Wetterbericht studieren, um v.a. das Lawinenrisiko zu minimieren. Sicherstellen, dass die Übernachtungshütten auch tatsächlich eine offene Tür sowie ein freies Bett für dich bereithalten. Doch selbst wenn diese groben Eckpfeiler der Planung stehen und dir vorab ein einigermaßen beruhigendes Gefühl vermitteln, erlaubt es sich die winterliche Natur dir ab und zu ein paar erschwerende Hindernisse entlang des Weges zu legen . . . 
Der Wetterbericht hatte ein verheißungsvolles Schönwetterfenster mit maximalen Sonnenstunden für die nächsten Tage prognostiziert. Ein sonniger Ausblick auf scheinbar perfekten Bedingungen. Und dennoch bedeutete dies auch einen frühen Start, um den von der Nacht hart gefrorenen Schnee möglichst lange für ein sicheres und zügiges Vorankommen nutzen zu können. Ab den späten Morgenstunden würde der von der brennenden Sonne nass gewordene Schnee jeden Schritt erschweren und das Lawinenrisiko erhöhen.
 
Der Zustieg erfolgte durch das langsam ansteigende und romantische Mühltal, das die unfassbare Schönheit des bevorstehenden Tages vorankündigte: Eine knirschend harte Schneedecke unter den Nadelbäumen ermöglichte ein rasches Vorankommen mit den Schneeschuhen und die federartigen, weit verstreuten Cirruswolken attestierten stabiles Wetter.
Später erreichte ich den steileren Südhang, der wie eine Leiter zum prominenten Grat, hoch über Innsbruck wachend, führt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Schnee bereits in eine undankbar nass-schwere Masse verwandelt und erschwerte ein jedes Ein- und Auftauchen meiner Schritte. Mit unstillbarem Durst und Schwächegefühl meldete mein Körper mir eilig, dass er heute nicht genug aufbringen konnte als mein Kopf es sich wünschte. Langsamer ging es voran. Wie so oft sind solche körperlichen Herausforderungen in der Situation selbst undankbar, und doch ermöglichen sie das bewusste Eintauchen in neue Erfahrungen. Das Terrain öffnete sich und machte den Blick auf das Tagesziel frei, welches noch ach so weit entfernt lag: der Patscherkofel (2.246m, rot-weiße Antenne). Mit der Sicherheit im Kopf, genug zeitlichen Puffer zum Umkehren zu haben und das Ziel zu sehen, stieg ich weiter auf.
Oben auf dem Grat angekommen folgte mein Auge der sanft weißen Bergkette bis zur Endlosigkeit und war nun nicht mehr in der Lage, das Ziel zu erspähen. Es herrschte Ruhe. Nur die Skispuren gaben Anzeichen darauf, dass hier die letzten zwei Tage, an denen es nicht geschneit hat, lediglich zwei Personen auf dieser Route unterwegs waren. Sollte dies eine beunruhigende Tatsache für mich sein? Zugegebenermaßen ist die Route, welche ein Teil des Inntaler Höhenwegs darstellt, für gewöhnlich eine gemütliche Wanderung - wenn es keinen Schnee gehabt hätte. Der Lawinenbericht rief an diesem Tag Warnstufe 2 aus und sprach den Sonnenhängen weniger Risiko zu als den Schattenseiten des Berges mit pulverigen, haltlosem Schnee. Orientiert an der Südflanke des Grats warteten einige Steilstufen, welche sich in engen Frequenzen wie hohe Wellen zwischen mir und dem Patscherkofel auftürmten. Gepaart mit den nun schlechten Schneeverhältnissen fanden die Harscheisen der Schneeschuhe an den steilen Stufen keinen Halt mehr und ich kam nur noch mühsam ohne sie voran. Doch obwohl es schwierige Hindernisse waren, sind es genau diese Momente, welche meine Bewunderung und Demut gegenüber den Gebirgen am Leben halten.
Der Patscherkofel war erreicht und die innerliche Erleichterung groß, die schwierigste Etappe gemeistert zu haben. Unverhoffterweise wurde meine Einsamkeit nun durch eine Vielzahl von neonfarbenen Skitourengehern, welche den Gipfel über die offizielle Skipiste erklommen hatten, gebrochen. Mir wurde dabei klar, dass ich exakt die richtige Wahl getroffen hatte - eine Wahl für die Ruhe und Natur. Nach einem kurzen Abstieg erreichte ich das Patscherkofelhaus, meine Unterkunft für die Nacht - zumindest war ich davon ausgegangen bevor Wirt Markus mich ernsthaft beim Genießen meines Cappuccinos erschreckte: „Ne, wir haben kein Bett mehr frei. Heut Abend ist hier eine Feier.“ Nach einigen Minuten der Stille und meinen Gedankenspielen, wie ich noch rechtzeitig runter ins Tal kommen könnte, steuerte Markus erneut auf meinen Tisch zu und konnte noch ein freies Bett arrangieren. Ein ausgeschöpfter und erschöpfender Tag ging seinem Ende entgegen. 
Der nächste Morgen begann sehr früh und bereits die Vorstellung der nächsten Etappe lag mir übel im Magen: Es ging zurück über den Patscherkofel und den Grat über den ich zuvor gekommen war. Ein unschöner Gedanke, denselben Weg über die Steilstufen hinab nehmen zu müssen, die ich am Vortag so mühselig hochgekrochen war. Die Anspannung lag in der Luft und ich bemühte mich, die Strecke möglichst sicher aber auch zügig hinter mich zu bringen, um ausreichend Zeit für den bevorstehenden noch unbekannten Teil des Grats übrig zu haben. Die Steilstufen sahen von oben aus wie ein senkrechtes Gefälle. Zumeist sind steile Passagen in den Bergen leichter im Auf- als im Abstieg, dennoch ist es im Winter (mit Schneeschuhen) meist genau umgekehrt. Denn obwohl die Schneeschuhe im Steilhang den von der Nacht auf der obersten Schicht noch gefrorenen Tiefschnee mit jedem Schritt mehrere Dezimeter hinab drückten, sind Kraft- und Zeitersparnis erstaunlich. Und so passierte ich diese Distanz schneller als ich es zu erwarten wagte. Der verbleibende Part der Route verlief entlang der Bergkette auf dem Zirbenweg Richtung Osten zur höchsten Erhebung über dem Inntal, dem Glungezer (2.677m).
Der Zirbenweg entlang des Grats verlief vermehrt entlang der schattigen Nordseite des Hangs und windete sich anfangs durch dünn bewucherten Nadelwald. Die Ursache für die vereinzelten Bäume wurde auf diesem Schild erläutert:
Eine so ungewöhnliche Einsamkeit an einem so wundervollen Tag in den Bergen hatte ich mir nicht erträumen lassen. Es waren nur die beiden Skispuren vom Vortag, die mich begleiteten und nun hoch zum Glungezer führten. Dieser Tagesabschnitt war in Sachen Schönheit nicht zu übertreffen: Die Route verlief meist über breites Hochterrain, das einiges an Routenoptionen entlang von Zwischengipfeln offen hielt und spektakuläre Aussichten ins Inntal und Mühltal bot. In mir kehrte allmählich mehr Gelassenheit ein und der selbstgemachte Zeitdruck und die Eile waren verblasst, da bereits der Löwenanteil der Strecke hinter mir lag. So widmete ich mich der Umgebung mit mehr Zeit und Aufmerksamkeit. 
Nach nördlicher Umgehung der Sonnenspitze (2.639m) erreichte ich das Tagesziel - die Glungezer Hütte.
Freude geladen an der Hütte angekommen tastete mein Verstand die offensichtlichen Möglichkeit ab, wo der Eingang zu finden sei, den sich der Hüttenwirt für Gäste wie mich einst erdacht hatte. Die nahegelegenste Option, die mit einer massiven Metallplakette beschlagenen Holztür, erwies sich als richtige Wahl: „Griaß di.“, kam mir eine Stimme aus dem nur halb beleuchteten Eingangsbereich entgegen. „Ah, du bist der Schneeschuhgeher“, setzte die alte Dame mit schulterlangem grauen Haar nach, als ich sie allmählich besser erkennen konnte. Wir unterhielten uns kurz über meine Herkunft und den Weg, den ich vom Patscherkofel zum Glungezer nahm, und kehrten gemeinsam in die warm beheizte Gaststube ein, wo sie sich zu ihrem Mann setzte und ich mir nah am Eingangsbereich einen Platz suchte. „Einen Cappuccino, bitte“, lächelte ich gierig dem bedienenden jungen Herren in Skater-Outfit zu. Im selben Zuge war mein Zimmer für die Nacht auch gesichert.
 
Nach einem Cappuccino, einem alkoholfreien Weißbier und einer Kaspresssuppe verließ ich die warme Stube, um mein Bett im Matratzenlager zu beziehen und mich zu sortieren. Die schwer anmutende Holztür zum Schlafsaal war leichter zu öffnen als gedacht und ich fand mich in einem dunklen, schlauchartig langem Raum wieder. Als ich hinter mir vergeblich versuchte, die widerspenstige Tür ins Schloss zu drücken, wurde mir ein „Hey“ aus der Mitte des Raums zugeworfen. Reflexartig entgegnete ich mit einem „Hallo“ der unerkenntlichen Silhouette und schaltete das unwirksame Zimmerlicht an. Auf einer Bank vor der mittleren Bettenreihe saß ein in Skibekleidung älterer aber sportlich anmutender Mann. Nach einem unangenehmen Moment der Stille, in dem ich wortlos meine Sachen sortierte, folgte ein erneuter Kontaktversuch. Er sprach Englisch und war schwedischer Herkunft, wie ich bald erfuhr.
Wir redeten wie alte Freunde, die den Smalltalk direkt umgehen, auch wenn sie sich ewig nicht gesehen haben. Wir aßen gemeinsam zu Abend, erzählten uns Geschichten vom damals und heute und philosophierten über das Morgen. Die Nacht brach herein und hoch über dem Inntal spielte die Natur ihre farbenfrohen Lichtspiele während in der Glungezer Hütte die Kerzen gelöscht wurden.
Es sind diese Art von Begegnungen, die so selten sind, so unerwartet unsere Wege kreuzen und uns nachhaltig bereichern. Diese Begegnungen, die nur bei einem Handschlag zwischen Offenheit und Unerwartetem geschehen. Die dritte Hand umschließt die anderen beiden Hände und heißt Freiheit. Denn sie schafft die Freiräume für das Unerwartete und die Offenheit.
Dieses Bild entstand in dieser tiefschwarzen Nacht vor der Glungezer Hütte. Es war absolut still und die Milchstraße schimmerte leicht am Firmament. Ein bildlicher Moment, der uns an die unerwartet magischen Ereignissen in den Bergen erinnert.
Glungezer Hütte unter der Milchstraße