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Ein Lied für die Ruhe

von Dennis Engelhard, erlebt am 23. Mai 2019

Es ist mir bewusst, dass ich hiermit nicht jedem aus der Seele spreche - und das ist auch gut so. Denn diejenigen, die es nicht betrifft, können glücklich sein und sollten es auch bleiben. 

 

Im Berufsleben aber auch im Privaten läuft unser Kopf im Automatikmodus und denkt an die nächsten Aufgaben und Lösungswege: Produktivität, Effizienz. Die Boxen der sich nie erschöpfenden Aufgabenchecklisten sollen so schnell “getickt” werden, wie die Uhr selbst tickt. Produktivität, Effizienz. Die Langzeitfolge ist oftmals eine innerliche Unruhe, unabhängig der Situation, sogar in Ruhezeiten. Die Berge und Natur hingegen verkörpern für uns Rückzugsorte vom Alltäglichen, richten unsere Gedanken auf das monotone Tun und wenden sie ab vom Tun-Müssen. Aber den Automatikmodus tragen wir irgendwo doch mit uns im Rücksack herum.

Ohne Begleitung auf Bergtouren wird diese innerliche Unruhe ganz besonders laut. Es ist ein fies gemischter Cocktail aus Sorge, Aufgeregtheit und nachhallenden Gedanken in Form von Entzugserscheinungen der Alltäglichkeit. Ein Kumpane an der Seite kann von diesen Gedanken stärker ablenken und durch das Teilen der Verantwortung für die Tour zu mehr Gelassenheit beitragen. Und vielleicht wirst auch du es kennen: Viele von uns Naturliebhabern und Bergsportlern haben eine Kamera griffbereit, um die besonderen Naturschauspiele und eigenen Leistungen in Bildern festzuhalten. Die Fotografie selbst bedarf Zeit - wenn wir hier vom ambitionierten Laien und nicht vom flotten Knipser sprechen. Zeit, die wir uns oft ungern auf Touren genehmigen, da sie uns eher im Nacken sitzt. Wir lassen somit erspähte Motive am Rande liegen, um weiterzukommen und in keine zeitlichen Engpässe zu geraten. Dass all diese Faktoren in den meisten Situationen nicht rational begründbar sind, ist uns wohl allen bewusst. Dennoch sind sie eine mentale Bürde, die uns unser Geist durch die Gewohnheit des Alltags auferlegt. 

 

Bei der Tour auf die Brecherspitz, dem Hausberg des Schliersees, fühlte ich diese Unruhe wieder einmal sehr stark. Es ging dabei nicht um die Schwierigkeit der Route, die in diesem Fall simpel war, sondern um die Ungewissheit, das Alleinsein und den Automatikmodus. Durch einige Momente wurde mir aber doch klarer, wie das Rad in manchen Situationen zu brechen ist . . .

 

Der Weg zur Ruhe geht oftmals nur durch die Unruhe selbst. Diese einmal direkt zu provozieren, einfach die Zeit nehmen und stehenbleiben. Fotografieren. 

Besonders positive Emotionen können ebenso zur stoischen Gelassenheit verhelfen. So war es bei dieser Tour die Freude darüber, die einzelnen Steine auf dem Pfad unter der weit abgeschmolzenen Schneedecke wieder sehen und die sommerlicheren Touren bald wieder erleben zu können. Die Freude darüber, den Gipfel in Aussicht bzw. erreicht zu haben. Die Freude darüber, anderen Gleichgesinnten entlang des Weges zu begegnen und mit ihnen ein Stück zu gehen. 

 

Innere Unbeschwertheit lässt uns die Natur um ein Vielfaches intensiver genießen, klarere Entscheidungen treffen und bessere Leistungen abrufen. Denn es wird diese Momente geben, in denen wir unser Urteils- und Leistungsvermögen wirklich benötigen. 

 

Der Steig verlor sich inmitten des Hangs zwischen Felswand links und dem nassen Grashang rechts. Eine Entscheidung musste her.