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DORIS WALTER

#Erdung

 

Sie gehören einfach zusammen: Die Berge und Doris Walters Leben. Denn ihre Familie, ihre Erlebnisse und diese eine kleine Berghütte haben die beiden fest miteinander verschweißt. Doch Doris war anders als die anderen: Ihre angeborene Höhenangst brachte ihr einiges an Unverständnis entgegen. Und so musste sie ihren Platz in den Bergen erst finden.

 

Aufgeregt wühlen sich die Kinder im Morgengrauen unter ihren schweren Wolldecken heraus. Im dunklen Schlaflager tasten sie sich ungeduldig zu den zwei kleinen Giebelfenstern hervor und knien davor nieder. “Drüben auf den großen Bergen scheint schon die Sonne!”, ruft Doris mit leuchtenden Augen, als sie den Mittleren Karwendelkopf durch die ersten Sonnenstrahlen des Tages aufglühen sieht. 

 

Fast 60 Jahre später. Die intensive Mittagssonne brennt und bringt den Schnee schnell zum Schmelzen. Auf der kleinen Sitzbank an der Südseite einer hölzernen Berghütte sitzt Doris. Die Wärme genießend lässt sie diese Kindheitserinnerungen schmunzelnd aufleben. Die kleine sechzigjährige Frau mit graublondem Haar ist heute noch genauso von den Bergen verzaubert wie in ihren frühen Kindheitstagen. Daran hat sich nie etwas geändert. Jedoch liebt sie die Berge nicht nur, sie ist auch tief mit ihnen verwurzelt. Schließlich stammt ihre Familie aus dem direkt zwischen Wetterstein- und Karwendelgebirge gelegene Mittenwald. Hier suchte ihr Großvater als wilder Bergfex bereits in den 1920er Jahren die besonderen Abenteuer und zählte zu den alpinen Pionieren in Mittenwalder Kreisen. Ähnlich abenteuerlich unterwegs war auch ihr Vater. Allerdings brauchte er die Berge vielmehr zur körperlichen und seelischen Heilung nachdem er als junger Mann mit schweren Verletzungen und nachhallendem Trauma aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte. Später bot sich ihm die Möglichkeit die Bewirtschaftung der DAV Hochlandhütte zu übernehmen und so verbrachte er fortan fünf ganze Sommer und Winter im Karwendelgebirge auf 1.630m Höhe. 

Das prägendste Element in Doris Verbindung zu den Bergen ist jedoch eine kleine, private Selbstversorgerhütte im Karwendelgebirge hoch über Mittenwald: die Obere Kälberalm. Sie liegt nur zehn Gehminuten von der Hochlandhütte entfernt und war bereits in der Hand der Familie lange bevor Doris geboren wurde. Es war das Paradies ihrer gesamten Kindheit: Hier fand die Familie ihren Rückzugsort, der sie wieder enger zueinanderfinden ließ. Denn das städtische Berufsleben frustrierte vor allem den traumatisierten Vater und ließ den Haussegen oft schief hängen. Auf der Hütte blühte er jedoch wieder auf: Fernab der städtischen Gesellschaft spielte er dort ausgelassen Mundharmonika und Gitarre. Eine heile Welt.

 
 

Heute führt Doris diese Tradition fort und nutzt die Hütte weiterhin als Ausgleich zu ihrem Münchner Stadt- und Berufsleben. “Wenn ich nicht einmal im Monat hier bin, fehlt mir die Erdung”, sagt sie, während sie den Schnee vor dem Eingangsbereich der Hütte wegschaufelt. Man merkt schnell: Doris ist eine sensible Person und anfangs bei neuen Begegnungen vorsichtig zurückhaltend. Dennoch sucht sie ihre Hütte nicht auf, um sich in die stille Einsamkeit zu verkriechen. Nein, sie genießt es geradezu mit Freunden der Ursprünglichkeit des Lebens in und mit der Natur zu verfallen. So ist es auch nicht ganz unwahrscheinlich, bereits aus der Ferne freudige Unterhaltungen zu hören, während man sich noch die 31 Serpentinen zu ihrer Hütte hinaufarbeitet.

 

 

In der Hütte geht Doris ihren täglichen Tätigkeiten mit einer unangestrengten Selbstverständlichkeit nach: Schneeschaufeln, Einheizen, Kochen, Abspülen – sie ist oft in Bewegung. Aber ganz ruhig, gar nicht hektisch. Es kommt nicht ein Hauch von Unruhe auf, wenn Doris in der Hütte ist – selbst mit Gästen nicht. “Ich möchte einfach SEIN in den Bergen und genießen”, sagt sie nach einem ruhigen Atemzug und schaut aus dem Fenster in die abendliche Dämmerung. “Viele Menschen sind viel zu hektisch und tauchen gar nicht in die Natur ein.” Wenn man Doris zuhört ist es unbestreitlich, dass sie eine klare Vorstellung davon hat, warum sie in die Berge geht und wie sie dort leben möchte. Das war allerdings nicht immer so: Einige bedrückende Erfahrungen in ihrem Leben ließen sie erst verstehen, wo der für sie richtige Platz in den Bergen ist.

 
 

Die Obere Kälberalm ist inmitten eines großen Bergkessels gelegen, der sich nach Westen öffnet und den Blick auf Alp- und Zugspitze ermöglicht. Zu Doris Kindheitszeiten war das Gebiet damals noch um einiges ruhiger und abgeschotteter als heute. Gleichwohl erinnert sie sich noch beängstigend genau an die hoffnungslosen Schreie und Hilferufe, die aus den umliegenden Felswände hinab zur Hütte schallten. Einige Bergsteiger sind dort ums Leben gekommen, manche konnten gerettet werden. Doris allerdings verstand dadurch recht früh, dass ihre ruhigen Berge auch eine andere Seite an sich haben: bedrohlich und fatal. Zunächst war dies für sie kein großes Problem, denn sie suchte die gefährlichen Bergabenteuer nicht. Ihre Familie hingegen war ab und an für den Nervenkitzel im Gebirge zu haben – und im Teenager-Alter hatte das auch zunehmend Auswirkungen auf Doris. Heute noch erzählt sie aufgeregt vom Mittenwalder Höhenweg – eine lange und berühmte Gratwanderung mit vielen exponierten Klettersteigpassagen, die mentale Stärke verlangen. Es war ein typischer Familienausflug: Mutter, Vater, Schwester – und Doris sollte nicht fehlen. Mit vielen Bedenken und unter mentaler Belastung zog Doris mit auf den Berg hinauf. Inmitten der Tour jedoch ging es der Mutter gesundheitlich zunehmend schlechter, sodass sie schließlich abbrechen musste. Die Gruppe trennte sich und Doris kehrte mit ihrer Mutter um. Wenn sie rückblickend davon erzählt, spürt man heute noch die riesen Erleichterung, die damals bei der Entscheidung umzukehren von ihr fiel. Hätte es diesen willkommenen Zwischenfall nicht gegeben und sie wäre weitergegangen, hätte es vielleicht ein unschönes Ende gegeben.

 

Ihr gesamtes Leben lang hatten Gipfel keinerlei Anziehungskraft auf Doris. Im Gegenteil: Sie hat sie sogar gemieden. Auch das alpine Gelände und abfallende Hänge waren immer ein belastendes Spiel mit den Nerven. Sie hatte Angst davor. Obendrein hat sie die Berge nie als eine sportliche Herausforderung gesehen. Der Berg als Sportgerät? Die Eroberung des Gipfels? Diese Ansichten konnte sie nie teilen. Allerdings stieß sie mit dieser Sichtweise oft auf Unverständnis und musste so viel Ablehnung erfahren. “Du Angsthase! Schau dir doch einmal deine Schwester an”, sagte ihr Vater einst zu ihr. Daran erinnert sie sich heute noch ganz genau. Denn früher wie heute strebte jeder Hobby-Bergsteiger immer höher, schneller, weiter, was es Doris nicht leicht machte, bei sich selbst zu bleiben. Allen Turbulenzen zum Trotz hat sie es dennoch geschafft, ihren Platz in den Bergen zu finden. Sie weiß heute genau, was sie in den Bergen sucht: Es ist die Erdung. Nicht der luftige Abgrund. 

Aber nicht nur von der Fortbewegung im Gelände hat sie eine klare Vorstellung, sondern auch vom richtigen Umgang mit der Natur. Am klarsten wird Doris Einstellung dazu, wenn die sonst sehr zurückhaltende Frau sich mit deutlichen Worten darüber aufregt, wie andere die Natur behandeln: Glasflaschen bewusst zurücklassen, aber teure Pfanddosen wieder mitnehmen. Oder: in den Wald kacken und das schlecht abbaubare Taschentuch liegen lassen. Diese Rücksichtslosigkeit findet sie wortwörtlich “scheiße”. Es geht ihr allerdings nicht nur um die Verschmutzung: Doris absolvierte mit 53 Jahren die Ausbildung zur Bergwanderführerin und war als kleine zurückhaltende Frau inmitten von Tiroler Haudegen. Obwohl alle gemeinsam dasselbe Ziel hatten – das Wissen und die Fertigkeiten zu erlernen – waren die Motivationen sehr unterschiedlich. Vielen Teilnehmern fehlte die tiefere Beziehung zu den Bergen, denn sie betrachteten sie ganz emotionslos als eine Laufstrecke, die es zu bewältigen gilt. Doris hingegen ging es bei der Ausbildung um das Erleben der Berge und das achtsame Wandern in dieser Landschaft. Erfahrungen mit Menschen, die keinen tieferen Zugang zur Natur haben, musste sie allerdings immer wieder machen. Voreiliges Vorauspreschen und ständiges Reden – sie wünscht sich einfach ein wenig mehr Achtsamkeit und Wahrnehmung in der Natur. Das versucht sie auch den Menschen und Kunden zu vermitteln, die ihr begegnen. Denn obwohl sie das Gefühl der Erdung zunächst für sich selbst sucht, ist sie gern bereit es mit anderen zu teilen – wenn diese es auch wollen.

 
 

Es ist früh am Morgen. Ein Duftschleier von frisch aufgekochtem Kaffee zieht sich durch die dunkle Hüttenstube, die von ein paar wenigen Lichterketten ausgeleuchtet wird. Die Nacht war kalt und Doris wirft in den orange leuchtenden Ofen Holz nach. Mit der neugewonnen Hitze erwärmt sie die Milch, schäumt sie luftig auf und nimmt mit ihrem frischen Cappuccino am Tisch Platz. Ob sie niemals Lust auf die richtigen alpinen Abenteuer hatte? “Oberhalb der Baumgrenze fühle ich mich verloren", entgegnet sie. "Im Wald, da bin ich daheim”.

 

Alle auf dieser Internetpräsenz verwendeten Texte, Fotos und grafischen Gestaltungen sind urheberrechtlich geschützt © 2020 Dennis Engelhard

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