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Aus Weglosigkeit?

von Dennis Engelhard, erlebt am 21. Jan. 2019

Der Paso del Cuadrado in Patagonien

Wann hattest du zum letzten Mal einen Tag voll gähnender Leere? Zum letzten Mal wahre Langeweile, die dich zunächst hilflos erschlug?
Ich sitze gerade an einem der drei massiven Holztische im Refugio Los Troncos im Tal des Rio Eléctronico in den patagonischen Bergen nördlich von El Chaltén. Vor 24 Stunden kam ich zu Fuß hier an, in der Hoffnung dem Trubel des patagonischen Massentourismus zu entkommen und in ein kleines, entlegeneres Abenteuer einzutauchen . . .
Nach anderthalb Stunden erreichte ich völlig durchnässt, bis zu den Knien mit Schlamm besudelt und schlecht gelaunt das kleine Refugio. Eine unscheinbare grüne Hütte in einem lädierten Wellblechverschlag verkleidet. Dort, wo auf ihrer linken Seite drei Zelte auf sichtlich matschigem Untergrund standen, plante ich eigentlich auch meines aufzuschlagen und zwei Nächte dort zu verbringen. Doch der erste Eindruck von dem, was ich hier vorfand, machte mich zugegebenermaßen skeptisch. "Sicherlich wohnt hier ein alteingesessenes argentinisches Ehepaar, das ab und an Besuch bekommt, ansonsten seine Zeit aber mit sich selbst verbringt und kein Wort Englisch spricht", dachte ich.
Refugio Los Troncos (Piedra del Fraile)
Das Refugio Los Troncos (Piedra del Fraile)
Blick ins Refugio Los Troncos (Piedra de
Unbeirrt meiner voreiligen Gedanken legte ich die Hand an den Türgriff und drückte ihn hinunter. Im selben Moment als ich meinen Fuß über die Türschwelle schwang, ohne gesehen zu haben, wer oder was im Inneren auf mich wartete, rief ich reflexartig ein "¡Hola!" in den Raum. Eine Hand voll junger Männer saßen verteilt in einem dunklen, hölzernen Raum und erwiderten meinen Gruß direkt. Dann wieder Stille. Jeder ging wieder seiner Sache nach: lesen, essen, abspülen. Mit dem Blick in die Gesichter der Männer und aus dem Fenster heraus wurde mir schnell klar, dass dieser Ort eine willkommene Einladung ist, Ruhe, Zeit und wieder ein Stück mehr zu sich selbst zu finden.
Für den folgenden Tag nahm ich mir den Paso del Cuadrado vor. Ein die Bergflanke direkt hinaufführender Pfad, der am oberen Ende auf einen Sattel überhalb eines kleineren Gletscherfeldes stößt. Von dort soll die Nordseite des Fitz Roy Massivs brilliant und eindrucksvoll zu sehen sein. Zuvor sind jedoch 1.100hm auf nur 3,5km zu bewältigen. Ich schaute aus dem beschlagenen Fenster nach draußen: Ob dies am morgigen Tag überhaupt bei der vorherrschenden Schlechtwetterlage möglich sein wird?
Nach einigen Stunden des Schreibens und Lesens und einer vom Gastgeber gebackenen Pizza, gelang es einigen Sonnenstrahlen sich durch die dichte, regnerische Wolkendecke zu wühlen. War dies ein verheißungsvolles Omen für den nächsten Tag?
Sonnenstrahlen am Cerro Aniversario
Abends packte ich die notwendigen Sachen zusammen und stellte den Wecker auf 6.30 Uhr. Die Nacht war kälter und unruhiger als ich es bisher von allen vorherigen Zeltnächten in Patagonien gewohnt war. Immer wieder wachte ich auf, orientierungslos wo ich ich mich gerade befand. Der Wecker riss mich letztlich doch noch aus dem Schlaf und nach einigen Minuten protestierender Drehungen im Schlafsack verlies ich das vom Nachtregen unverschont triefend nasse Zelt. Nicht ganz klar war mir in diesem Moment, was mir das Wetter mit seinen patagonischen Allüren sagen wollte. Ein undurchsichtiger Dunst gemischt mit Nieselregen lag in der Luft und die Sonne hatte sichtliche Schwierigkeiten sich ihren Weg hindurch zu bahnen. Nach einer Weile des skeptischen Beäugens des Himmels und einem kurzen Frühstück brach überraschenderweise gleißend sanftes Sonnenlicht hinter der Bergkette hervor und leuchtete das Tal und die gegenüberliegenden Berge schimmernd aus.
Einen Versuch war es definitiv wert!
Sonnenaufgang im Tal Piedra del Fraile
In einem nicht nachvollziehbaren Geschlängel zog sich der Pfad den noch grünen Berghang hinauf und verlies die laut rauschende Talebene des türkisfarbenen Rio Eléctronico. Konsequent Höhenmeter machend kam ich den emporragenden Berggipfeln näher und der stetige Blick zurück ins Tal eröffnete wunderschöne Lichtspiele der Natur.
Der Boden war merklich aufgeweicht vom unaufhaltsam einprasselnden Niederschlags des Vortags, sodass ich mich in dem Gemisch zwischen loser Erde und feinem Geröll in steilem Gelände bereits wenig auf den Abstieg freute.
Wie erwartet schlug die Beschaffenheit des Weges nun vom grünen Trampelpfad um in ein alpines Gelände, geprägt von grobem Geröll, durch welches die Route nur noch äußerst mühsam auffindbar war. "Tick, tick", klopfte es auf meine Jacke: Der bisher sachte Nieselregen verwandelte sich ab dieser Höhenlage in erste hagelartige Schneeflocken und prasselte nun mit zunehmender Höhe verstärkt auf mich nieder.
Zugegebenermaßen weiß ich aus vorherigen Touren über meine noch ausbaubaren Fähigkeiten, schlecht markierte Routen zu finden und zu halten, Bescheid. Jedoch war ich mir sicher, dass so einige hier Probleme bekommen hätten, denn der Pfad verlor sich nun inmitten des ausufernden Geröllfeldes und lies nur ab und an erahnen, wo er wieder einsetzt. Nach einigen Irrungen gab ich schließlich die Versuche, den Pfad strikt nachzuverfolgen, auf und nahm den Verlauf des Weges nun selbst in die Hand.
Wie immer bei Solo-Touren am Berg sind meine Sensoren für mögliche Risiken auf das Feinste justiert und mit jedem Höhenmeter wäge ich aufkommende Risiken gegen die Sinnhaftigkeit des Unterfangens ab. Der nun zunehmend stärker gewordene patagonische Wind, der den hart aufschlagenden Schneeregen anfachte, sowie mein Standpunkt im unwegsame Gelände, inmitten von Geröllbrocken, ließen in mir den Drang nach einer Entscheidung aufkommen. Umdrehen oder weitergehen? Der Blick weit nach oben gerichtet ließ klar werden, dass selbst am Paso nichts sichtbar sein würde - kein kleinstes Sichtfenster auf den Fitz Roy, nichts. Die Gipfel um mich herum waren in dichten, vom Wind stetig angeschobenem Dunst eingehüllt.
Ich entschloss mich dazu, die vor mir liegende Anhöhe zu erreichen, um von dort aus einen Überblick über das noch nicht einsehbare restliche Gelände zu gewinnen. Der Wind peitschte mich weiter hinauf zur Anhöhe, wo ich schließlich glücklicherweise einen ausreichend großen Felsvorsprung auffand, welcher mir auf seiner Rückseite den notwendigen Schutz vor dem von unten aufsteigenden Wind bot. Wie erhofft, eröffnete sich hier ein besserer Blick auf die nun sichtbare Gipfelkette, den Paso del Cuadrado und den darunter liegenden Gletscher.
Nach einem Moment des Innehaltens verabschiedete ich mich von dem Gedanken, den Paso noch zu erreichen, und setzte der Tour an dieser Stelle einen Endpunkt. Der Paso war zwar in Sichtweite, hätte aber den Aufwand und Risiken dorthin nicht gerechtfertigt, denn der Ausblick hätte sich im trüb-grauen Wolkenmeer verlaufen.
Auf dem Abstieg erspähte ich zwei schwarz gekleidete Gestalten, die mir aus der Ferne entgegenkamen und einen scheinbar besser begehbaren Pfad beibehalten konnten, auf den ich nun auch zusteuerte. Unsere Wege trafen aufeinander, mir wurde eine Hand entgegen gestreckt, ich entgegnete ihr mit einem Handschlag. "Have you been up to the Paso?", fragte mich die erste, sichtlich sportlichere Person. "No, conditions are too bad and there's no view at all. Nothing I'd do on my own anyway", erwiderte ich. "Wanna come with us?". "Thanks, I am happy with how it is. Wish you good luck and take care." Wir schüttelten unsere Hände erneut und passierten einander.
Es war noch recht früh am Tag, sodass ich mich entschied, den Abstieg langsamer angehen zu lassen und ein paar Minuten für den Ausblick und fotografische Momente zu nutzen.
Das alles passierte heute Morgen. Ich sitze gerade am Tisch, blicke träumend durch die einfach verglasten Fenster auf den erneut einsetzenden Platzregen und schaue jedes Mal erneut auf, wenn weitere durchgefrorene, durchnässte Wanderer im Refugio die Türschwelle betreten, um Obdach zu suchen. So wie ich vor 24 Stunden.
In meiner kurzen Zeit im Refugio wurde mir klar, dass es die Langeweile ist, die der Träger neuer Gedanken ist und ich frage mich: Warum sind es eigentlich die unbegangenen und einsamen Pfade, die uns so reizen aber auch Unbehagen bereiten?