Andrea Szabadi-Heine Porträt.jpg

ANDREA SZABADI-HEINE

#Freiheit

 

Sich Ziele stecken, darauf hintrainieren und das Beste geben – ein Leitmotiv, das sich wie ein roter Faden durch Andrea Szabadi-Heines Leben zieht. Die leistungsorientierte Erlebnispädagogin lernte die Berge zwar erst mit Anfang 20 richtig kennen, wollte dann aber umso höher hinaus. Bis sie unerwarteterweise einen Tiefpunkt im Leben erreichte. Seitdem steht neben dem Sport auch das Engagement für ein besseres Miteinander auf ihrer Agenda.

 

“Ich gehöre nicht zu denen, die auf dem Bänkle sitzen und Brotzeit machen. Ich will mich auspowern und meinen Körper spüren.” Und das kauft man der 1968 geborenen Andrea Szabadi-Heine, mit ihrem sonnengebräunten Gesicht, den leicht verstrubbelten Haaren und ihrem intensiven Blick, auch direkt ab. Aber obwohl sie bereits seit 1995 in ihrer Wahlheimat Allgäu lebt, hat nichts vom Klischee des grummeligen und verschlossenen Allgäuers auf sie abgefärbt. Tatsächlich ist sie ein herzensgutes Wesen und begegnet ihren Mitmenschen mit Freude und Offenheit. Gemeinsam mit ihrem Mann Martin lebt sie in Eisenharz, einem 1700-Seelen-Dorf, kurz vor den Toren Isnys. Dort, wo sich auf 700 Meter ü. NN. weite, grüne Hügellandschaften auftun und am Horizont zu den Allgäuer Alpen auftürmen.  

 

Die Berge selbst haben allerdings zu Beginn ihres Lebens keine zentrale Rolle gespielt. Ihre Eltern und Verwandten waren zwar grundsätzlich bergaffin, aber durch die Distanz zwischen ihrem Heimatort Schwäbisch Hall und den ersten Bergketten, haben sich die Bergtouren eher auf die Ferien oder Schulausflüge beschränkt. Erst mit Anfang 20 drehte sich das Blatt und ihre Bergbegeisterung wurde geweckt – und wie immer im Leben war die Liebe Schuld. Im Studium in Würzburg lernte Andrea ihren jetzigen Mann kennen, einen umtriebigen Allgäuer mit großer Begeisterung für die Berge. “Als ich dann zum Praktikum im Bereich Outdoor-Erlebnispädagogik nach Berchtesgaden gekommen bin, hat mich das richtig motiviert noch mehr Gas zu geben! Da habe ich viele Fachsportscheine gesammelt – von Skihochtouren über Alpinklettern bis zum Raftguide.” 

 

Mit diesen vielen Qualifikationen und einer Festanstellung im Gepäck trat Andrea ihren beruflichen Höhenflug an: In zahlreichen Trainings für private Gruppen und Firmen in Europa und den USA formte sie als Erlebnispädagogin neben den sportlichen Fertigkeiten vor allem die zwischenmenschlichen Kompetenzen und den Gruppenzusammenhalt ihrer Teilnehmer. Und auch privat ging es bei Andrea sportlich hoch hinaus. “Irgendwann bin ich aufs Höhenbergsteigen gekommen. Mein Mann und ich waren sechs Wochen in Ecuador und haben jede Woche einen Fünftausender bestiegen.” Ihr persönliches Highlight war allerdings die Besteigung des knapp siebentausend Meter hohen Aconcaguas in den argentinischen Anden. “Wir wollten das alles allein schaffen – ohne Shuttle, ohne Mulis, ohne Träger”, hält Andrea fest. “Wir sind beide richtige Ausdauertypen, halten viel aus und sind zäh.”

 

Wie zäh Andrea jedoch wirklich war, sollte sich in ihrem Leben noch zeigen. Im Winter 1999, “ein wahnsinnig schneereicher Winter”, wie Andrea sich erinnert, leitete sie eine erlebnispädagogische Fortbildung im Kleinwalsertal. Die damals 31 jährige Frau kam mit ihrer Gruppe am Biwakplatz an und wies die Teilnehmer an, gemeinsam ein Iglu zu bauen. “Meiner Praktikantin und mir fiel indes nichts besseres ein, als akrobatisch rumzualbern. Jeder nahm die Fesseln des anderen in die Hände und als menschliches Rad rollten wir den Berg hinunter.” Es war bitter kalt, der Schnee stark verharscht. “Wir wurden immer schneller und eiriger bis wir uns nicht mehr aneinander festhalten konnten und die Fliehkraft uns schließlich auseinander riss. Wie ein Schwimmer im Strecksprung schlug ich kopfüber auf den vereisten Untergrund auf. Ich spürte die extreme Stauchung meines Körpers. Dann sah ich nur noch Blitze und meine Beine woanders liegen”, ruft Andrea sich die Bilder von damals wieder vor Augen. “Als ich zum Liegen kam, fasste ich sofort mit meinen Händen an die Beine. Die Hände spürten etwas, die Beine aber nicht. Ich hatte mir noch nie Gedanken über das Leben in einem Rollstuhl gemacht, aber als ich da so lag, war mir sofort klar, ich lande im Rollstuhl. Es war sofort klar.”

 
Andrea Szabadi-Heine Heimat Allgäu.jpg
 

Ein Kraftort vor der Haustür mit Blick auf die Berge

Gleich nach der Diagnose in der Klinik erklärten ihr die Ärzte, ohne jegliche Hoffnung zu vermitteln, dass sie nie wieder würde laufen können. “Woher wisst ihr das? Und warum wisst ihr das jetzt schon?”, fragte Andrea die Ärzte verärgert und forderte sie heraus: “Leute, ich gebe mir zwei Jahre und danach sagt ihr mir, dass ich nicht mehr lauf’!” Und tatsächlich hatte sie Glück, denn nach wenigen Tagen kam etwas Restfunktion in ihre Beine zurück, sodass sie zumindest unter großer Anstrengung und mit Unterstützung ein paar Schritte gehen konnte. In den Monaten nach ihrem Unfall bewies Andrea einen ungeheuren Antrieb, es ihrem Schicksal zu zeigen und sich zurück ins Leben, die Berge und den Sport zu kämpfen. Vier Wochen hatten sie und ihr Mann in Spanien wild gecampt und waren motiviert, auszutesten, was sportlich noch möglich ist – so auch beim Klettern. “Der Zustieg zur Wand, der normalerweise nur fünf Minuten dauert, kostete mich eine Stunde. Als wir dann endlich am Wandfuss ankamen, war nicht mehr an Klettern zu denken. Ich war völlig platt”, erinnert sich Andrea leicht schmunzelnd an diese aufreibende Zeit zurück. “Im Winter daheim habe ich dann versucht, mit meiner Skitourenausrüstung einmal ums Haus zu laufen. Aber irgendwann war es mir den ganzen Aufwand nicht mehr wert und ich habe gemerkt, dass ich wohl mit einem Kompromiss leben muss. Das bedeutet mein Schicksal zu akzeptieren, aber nicht aufzuhören zu leben und aktiv zu sein.” Heute macht Andrea vorwiegend Sitzsport, vor allem mit Handbike und Monoski, aber auch auf dem Wildwasser ist sie im Kanadier anzutreffen. 

 
Andrea Szabadi-Heine Ziehgerät Wald.jpg
 

Andreas Heimat-Trail im Allgäu

In der ersten Zeit nach ihrem Unfall fühlte sich Andrea wertlos und als Belastung für andere und fiel dadurch in ein tiefes Loch. “Jetzt bin ich nur noch ein Anhängsel und die Gesellschaft muss für mich mit malochen”, dachte sie sich. Auch sportlich würde sie nie wieder annähernd ihr vorheriges Leistungsniveau erreichen können. “Da habe ich mich schon gefragt, wie definiere ich mich eigentlich? Was heißt Leistung bringen? Reicht es nicht auch einfach da zu sein?” Gerade in einer Gesellschaft, wo der Leistungsgedanke – egal ob im Sport oder Beruf – im Vordergrund steht und den Wert eines Menschen auszumachen scheint, war diese Frage ein echter Knackpunkt in ihrer größten Lebenskrise. “Wenn ich mir heute zum Beispiel manche jungen Kletterer anschaue, ist das zum Teil ein ganz anderes Publikum als wir früher. Sie setzen sich teilweise selbst stark unter Druck und stehen unter enormer Spannung. Und wenn ich als behinderte Kletterin noch eine Route hoch komme, brechen sie völlig zusammen”, teilt Andrea ihre Beobachtungen. “Aber dieser Leistungsdruck ist gar nicht so lustig. Ich kenne viele junge Leute, die haben nicht mehr so die Zufriedenheit wie wir früher. Sie sind Überflieger im Sport, Beruf oder Hobby, aber sie sind nicht zufrieden. Glücklicherweise war ich früher schon immer anders: Wenn mich keiner gelobt hat, dann habe ich mich eben selbst gelobt”, was ihr in dieser Zeit zugute kam. Heute geht es ihr noch weniger als früher um gesellschaftliche Anerkennung ihrer Leistungen. “Ich definiere mich heute über meine Offenheit für die Welt und mein Engagement für ein besseres Miteinander beizutragen – für Klima, Zwischenmenschliches und Inklusion”, kann sie heute selbstbewusst über sich sagen. “Aber auch bei meiner Mutter mal vorbeizuschauen ist eine Leistung für mich”, fügt sie noch hinzu. “Außerdem bin ich nun Mitte 50 und glücklicherweise noch gesund und fit. Aber wenn ich irgendwann nicht mehr so kann, dann fahre ich eben nur noch eine kleine Runde um meinen Ort. Es ist einfach wichtig, sich daran zu freuen, was geht.”

 
Fuhrpark Andrea Szabadi-Heine.jpg
 

Andreas “Fuhrpark” – Handbikes, Ziehgerät, Kajak, Kanadier, Stand-up Paddle

“Bei dem Begriff Berg, denkst du nicht an Rollstuhlfahrer”, weiß Andrea. “Vor meinem Unfall hatte ich den Bereich Inklusion auch nicht auf dem Schirm.” Inklusion bedeutet dabei für sie, mit Unterschiedlichkeiten gut umzugehen und einmal den eigenen Blickwinkel zu ändern. “Gerade in den heutigen Zeiten, wo die Pole immer extremer werden und unsere Gesellschaft spalten, ist es wichtig, aufeinander zuzugehen.” Und das sahen auch einige Firmen sowie der österreichische Alpenverein (ÖAV) genauso, die Andrea nach ihrem Unfall Angebote machten, Kurse für Inklusions- und Behindertenprojekte zu leiten. “Anfangs habe ich mich in der Rolle nicht so wohl gefühlt, weil ich mich anders kannte. Vor Publikum habe ich mich gar nicht getraut den Rollstuhl zu zeigen, bin also mit der Gehstütze am Flipchart gestanden und dann fast umgefallen. So bescheuert!”, erinnert sie sich heute kopfschüttelnd zurück. “Aber als ich gemerkt habe, dass es so funktioniert, wie ich bin, konnte ich schließlich die neue Rolle für mich annehmen.” Seit vielen Jahren schon ist Andrea in der Inklusionsarbeit aktiv und gibt beispielsweise Skikurse, leitet Gruppen im Wildwasser und schult Bergführer sowie Mitarbeiter des ÖAV, was alles mit behinderten Teilnehmern in den Bergen möglich ist. Eines ihrer persönlichen Highlights war dabei die Inklusive Transalp, die sie 2019 in Kooperation mit dem ÖAV und einer buntgemischten Gruppe – Menschen mit und ohne Handicap – erfolgreich absolvierte. Die 500 Kilometer und 10.000 Höhenmeter bedeuteten neben einem hohen Planungsaufwand auch gewaltige körperliche und psychische Belastungen, denen das Team im steilen Terrain mit Schnee und Nässe ausgesetzt war. “Aber wir haben es geschafft, ein tolles Team zu formieren, das gemeinsam gut über die Alpen gekommen ist – ohne, dass etwas passiert ist”, freut sich Andrea rückblickend über dieses große Abenteuer. “Ich bin ein großer Fan davon über eigene Grenzen zu gehen – nur so entwickeln wir uns weiter.”

 
Inklusive Transalp_Mel Presslaber.jpeg

Foto Melissa Presslaber: Step 3 Training für die Transalp Loferer Steinberge

In Verbindung mit ihrer Inklusionsarbeit ist Andrea heute freiberufliche Trainerin für Zwischenmenschliches und kooperiert, neben ihrer selbständigen Tätigkeit, mit verschiedenen Organisationen. “Ich leiste meinen Beitrag, indem ich mich für ein besseres Miteinander von unterschiedlichsten Menschen einsetze und ihnen dabei helfe, individuelle Grenzen zu verschieben und die Wege ins Freie zu erkunden.”

Andrea Szabadi-Heine Allgäu Bergblick.jpg